Demenz und Dissens

Ernst Ludwig Kirchner - Das Wohnzimmer

Ernst Ludwig Kirchner – Das Wohnzimmer – Lizenz: public domain

Wie aus dem Lateinischen abgeleitete Fremdwörter im Deutschen gebildet werden, hängt von den grammatischen Formen ab, denen sie entspringen.

Die lateinischen Fremdwörtern eigenen Suffixe -enz und -ens sind aus unterschiedlichen wortbildenden Quellen gespeist.

Dem substantivischen Suffix -enz liegt lateinisch -tia, -tiae zugrunde:

– Demenz – dementia, geistiger Abbau
– Differenz – differentia, (Meinungs-)Verschiedenheit
– Konsequenz – consequentia, Folge(-Richtigkeit)
– Präsenz – praesentia, (Geistes-)Gegenwärtigkeit
– Absenz – absentia, (Geistes-)Abwesenheit
– Transparenz – transparentia , das Durchscheinen, Durchschaubarkeit, Nachvollziehbarkeit

Adjektive dagegen sind aus solchen mit der Endsilbe -ens, -entis abgeleitet: dement, konsequent, präsent, absent, transparent.

Eine dritte Gruppe enthält ein Substantiv, sensus, us, Sinn, das mit einem Präfix, z. B. dis-, auseinander oder con-, zusammen, ausgestattet ist: Dissens, „entzweiter Sinn“, Konsens, „gemeinschaftlicher Sinn“.

„Demenz“ dagegen ist grammatisch entstanden aus dem Substantiv dementia, ae, geistiger Verfall, Verwirrung. Diesem Begriff liegt die Vorstellung zugrunde, dass dem Geist, lateinisch mens, mentis, etwas abhanden kommt. Dieses wird durch das Präfix de, von, weg, ausgedrückt: de mentia, „von der Geisigkeit weg“. Dadurch kommt die häufig gebrauchte Verwechslung Demens* mit dem richtigen Fachbegriff Demenz zustande.

Auch das Wortpaar das Präsens – die Präsenz ist ein Beispiel für die geringen Abweichungen, die sich aus der lateinischen Herkunft erklären. Sie geben einen Hinweis auf die grammatische Ableitung und auf die Betonung.

Präsens – praesens, (Gen.) praesentis – gegenwärtig, tatsächlich, eigentlich Part.I von praeesse, da sein, anwesend sein, teilnehmen. Die grammatische Zeit, das Präsens, ist eine Verkürzung von tempus praesens, entsprechend anderen grammatischen Tempora [1]: tempus imperfectum, perfectum, futurum, grammatische Bezeichnungen, die auf den zweiten Wortteil verkürzt wurden: das Präsens, das Imperfektum, – das Imperfekt, das Präteritum, das Futur.

praesentia, die Gegenwärtigkeit, Tatsächlichkeit, wird zu Präsenz, Teilnahme, konkret gebraucht als körperliche Anwesenheit – z. B. in „Präsenzpflicht“, übertragen als charakterliche Qualität, die ungeteilte Aufmerksamkeit, Authentizität und Charisma umfasst, und die spürbare Konzentration auf den Kommunikationsprozess beschreibt, Merkmale, die besonders bei Gesprächsfähigkeit hoch bewertet werden. Hier liegt die Betonung auf der zweiten Silbe.

Die Betonung des jeweiligen Fremdwortes folgt also dem lateinischen Vorbild des jeweiligen lateinischen Wortes.

[1] Die grammatischen Zeiten werden mit dem lateinischen Plural von tempus, die Zeit, bezeichnet. Das Wort lautet also „die Tempora“. Dagegen werden die musikalischen „Zeiten“, die Geschwindigkeiten, mit dem italienischen Plural von il tempo als „die Tempi“ bezeichnet. Dieser Unterschied zeigt sich in den Wendungen „Tempora mutantur“ -„Die Źeiten ändern sich.“ und „Tempi passati“ – vergangene Zeiten.

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