„Ischwör“ – Eine Frage der Ehre

David und Jonathans Schwur gegen Saul

David und Jonathans Schwur gegen Saul – Lizenz: gemeinfrei

Das Schwören ist unter aufgeklärten Leuten aus der Mode gekommen: Liebesschwüre, Treueschwüre, Reinheitsschwüre …

Schwüre sind Gelübde

Gelübde kommt von geloben. Das hat weniger mit loben im Sinne von gutheißen zu tun. Ein Gelübde ist eine Selbstverpflichtung, in Ordensgelübden zu Schweigen, Keuschheit oder Armut. Vielleicht hat loben selbst auch einen Bedeutungswandel erfahren, denkt man etwa an das Lob Gottes, das in liturgischer Sprache zu dem Wortpaar Lob und Preis, Lobpreis, verschmilzt. Im ernsthaften Sprachgebrauch kann diese Anerkennung nur Gott gewährt werden.

Schwüre sind Eide

In christlicher Auffassung sind Eide umstritten, weil Jesus in der Bergpredigt Christen auch ohne Eidesbekräftigung Wahrheitstreue abverlangt. Ein Eid ist eine Art Vertrag, ein Bund vor Gott als Zeugen. Eid ist gar eine Art Selbstverfluchung, der man sich durch Eidbrüchigkeit und Meineid aussetzt. Wenn man schon nicht mehr im Privaten schwört, so gibt es doch gerichtliche Situationen, die dies verlangen, dann etwa, wenn es um Verbrechen geht, die vor einem Schwurgericht verhandelt werden. Dann ist der Schwur ein Eid auf die Wahrheit, eine Falschaussage ein Meineid. Der ist dann seinerseits strafbewehrt.

Neuerdings ist das Schwören wieder im Kommen. Die Formel unter Jugendlichen mit islamischem Kulturhintergrund lautet: „Ischwör!“.

Diese Formel entspringt einem Moralkodex, in dem die Mannes- und Familienehre im Vordergrund steht. Die Aufgabe der Frauen, Schwestern und Töchter in dieser Struktur ist es, die Ehre durch ihren Lebenswandel zu gewährleisten, die des Mannes, Bruders und Sohnes sie zu erhalten, zu verteidigen, im Zweifel sogar, sie wiederherzustellen.

Dem islamischen Ehrbegriff liegt die Vorstellung eines wesenhaften, eingeborenen Ehrbesitzes zugrunde. Daraus ergibt sich, dass Ehrverletzung zur Sühne – der Wiederherstellung der Ehre – verpflichtet. Dem gegenüber steht der westliche Ehrbegriff, der durch den Erwerb von Ehre durch gesellschaftlich anerkannte Verdienste definiert ist.

Ein kulturell islamisch geprägter Mann, der „Ischwör“ sagt, beruft sich mit diesem zur Leerformel erstarrten Wort ursprünglich auf seine Ehre als moralische Instanz. Denn zur islamischen Mannesehre gehört unabdingbar, sich an sein Wort, seine Zusage, seinen Eid, seinen Schwur zu halten.

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