löschen – ein Verb mit unterschiedlicher Etymologie

In dem Verb löschen fließen zwei unterschiedliche Quellen der Wortbildung zusammen. Denn eigentlich sind es zwei Verben, die – vielleicht zufällig – gleich klingen. Diese Art von Gleichklang bei unterschiedlicher Bedeutung heißt fachsprachlich Polysemie.[1]

Doch an der Etymologie [2], dem eigentlichen Sinn und der Wortherkunft, lässt sich nachweisen, dass dies nicht immer so war.

Das eine – zunächst intransitive erlöschen, früher auch unpräfigiert, aber bedeutungsgleich löschen [3], mit den Stammformen erlosch, erlisch!, erlösche, erloschen – bezeichnet eine Beseitigung, Tilgung, Entfernung. Es hat den Ursprung in ahd. irlescan, mhd. leschen, worin man eine Weiterbildung zu sich legen, liegen zu erkennen vermag. Das legt dann das Bild einer sich legenden Flamme oder Glut, übertragen eines erlöschenden Geistes oder Gedächtnisses nahe. Man kann auch das transitiv gebrauchte Verb löschen als Faktivum, Kausativum [4], also Auslöser des intransitiven erlöschen begreifen. Dann wird aus löschen -> erlöschen machen, ausmachen.

Daneben steht das transitive Verb löschen, das – figürlicher, also profaner und praktischer, gebraucht – somit regelmäßige, schwache Flexionsformen hat: löschen, löschte, gelöscht.

Das Löschen einer Schuld im Kaufmannsdeutsch ist die Tilgung. Die Beseitigung von Eintragungen, heutzutage Dateien auf Rechnern, nennt man ebenso Löschung im Sinne von Beseitigung oder Tilgung.

Auch Löschsand tilgt und beseitigt Feuer, bringt es zum Erlöschen. Der Löschsand, den man früher zum Ablöschen überschüssiger Tinte beim handschriftlichen Schreiben verwendete, tilgt überschüssige Tinte, indem er sie aufnimmt.

Diese Aufgabe übernimmt später das Löschpapier, indem es die feuchte Tinte aufsaugt und das Geschriebene vor dem Verschmieren bewahrt.

Weil heftige Empfindungen wie eine unkontrollierbare Glut empfunden werden, wird auf deren Tilgung löschen im Sinne von erlösen übertragen: Durst, Liebe, Hass. Die Übertragung Leben, eine Familie, ein ganzes Dorf oder Volk auslöschen zieht seinen Vergleich aus dem Beweglichen, lebendig Anmutenden des Feuers, das erstickt wird. Diese Auslöschung ist zu verstehen als Beseitigung, ja sogar Vertilgung.

Ein Verb mit ganz anderem Ursprung ist das seemännische Verb löschen: ein Ladung löschen, ausladen, das Schiff leer machen.

Hier liegt die Bedeutung löschen -> lösen nahe. Denn früher wurden schwere Waren auf Schiffen vertäut. Sie mussten vor ihrer Entladung von den Tauen gelöst, losgemacht werden. Daraus ergibt sich das aus dem Niederdeutschen lössen entlehnte löschen. Das Mittelniederdeutsche und Niederländische bezeichnet dies als lossen, wo die Verbindung zu dem Adjektiv los, das eigentlich frei, leer bedeutet, lautlich noch erkennbar ist.

Legt man das Gewicht auf eine Parallele, die auflösen, erlösen zu lösen und löschen nahelegt, ließen sich auch zwischen dem Lösen von Schiffsgütern und dem Erlösen, Befreien von heftigen Empfindungen semantische Verbindungen herstellen.

[1] polysem, polysemantisch, griechisch polýsēmos, polysḗmantos = vieles bezeichnend, vieldeutig

[2] Etymologie, Untersuchung des wahren (ursprünglichen) Sinnes eines Wortes, zu: étymon (Etymon) und lógos, Logos

[3] Die Flamme/ Das Feuer losch/ löscht.

[4] Kausativum, Verb des Veranlassens, zu lateinisch: causa, Grund, Ursache, und causativus, ursächlich. Beispiele: setzen – sitzen, tränken – trinken

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